Geister


Ich bin ein Geist. Unsichtbar wandere ich durch das Leben.

Ich gehe durch die Straßen, den Park und sehe die Schönheit der Welt. Kinder spielen, kreischen, lachen. Auf einer Bank sitzt ein Paar, alt und grau, beobachtet das Treiben und hält sich dabei die Hände. In einem Bach tauchen Enten. Zwischen den Bäumen geht die Sonne unter. Vollkommenheit.
Ich atme tief ein und muss lächeln.

Da bemerke ich sie. Die Schemen, gesichtslose Wesen. Sie sind überall, in den Schatten, hinter verschlossenen Türen, hinter Ecken und in Schächten. Manchmal kommen sie heraus, laufen an den Menschen vorbei so nah, dass sie sie berühren könnten. Wer sind sie? was wollen sie?
Irritiert gehe ich weiter.

Vor einem Supermarkt sehe ich sie. Eine Frau, nicht alt. Sie kniet dort auf einem Stück Pappe. Ihr Blick ist leer. In einer Schale vor ihr liegen ein paar Münzen. Die Menschen gehen vorbei, schwer beladen, den Blick starr geradeaus. Was mag die Frau hierher gebracht haben? Ich würde sie gerne fragen, doch ich bin ein Geist, sie könnte mich nicht hören. Ich sehe ihn. Der Schemen steht hinter der Frau, eine Hand auf ihrer Schulter. Ich möchte auf ihn zeigen, auf ihn aufmerksam machen, doch ich bin ein Geist, niemand könnte mich sehen.

Durch das Fenster einer Kneipe fällt er mir auf. Er sitzt alleine an einem Tisch, sieht Fußball in einem Fernseher der dort über der Bar hängt. Vor ihm ein Bier. Ich beobachte ihn. Seinem Bier folgt ein zweites, ein drittes, mehrere Stunden sitzt er dort. Die ganze Zeit über zeigt sein Gesicht keine Regung, doch manchmal schweift sein Blick durch den Raum, als würde er etwas suchen, auf etwas warten. Er scheint nichts zu finden und starrt in sein Glas. Ich würde mich gern zu ihm setzen, mit ihm reden. Wie geht es dir, mein Freund? Wie war dein Tag? Doch ich bin ein Geist. Er würde mich nicht wahrnehmen. Als er schließlich das Lokal verlässt und zügigen Schrittes in der Nacht verschwindet sehe ich ihn. Erfolgt ihm auf dem Fuße, die Hand auf seiner Schulter.

Jetzt, da ich sie einmal gesehen habe, sehe ich sie überall! Überall Menschen, verfolgt von gesichtslosen Schatten! Sie folgen einem Greis, der Flaschen aus dem Müll zieht. Sie stehen hinter der jungen Studentin, die zitternd auf einer Bank sitzt, die Hände vor dem Gesicht, ein Blatt Papier auf ihren Knien. Hinter dem Mann der in zerschlissenen Jogginghosen, mit einer Zigarette in der Hand, auf der Treppe vor einem Wohnblock sitzt, eine leere Bierdose neben sich, im Blick nichts als Resignation und Gleichgültigkeit.
Je öfter ich sie sehe, desto deutlicher werden sie. Immer und überall Schatten, ich sehe nur noch die Schatten! Ich kann sie nicht ignorieren! Wieder lächelnd durch das Leben wandeln? Unmöglich, sie sind allgegenwärtig!

Ich möchte die Menschen anschreien! Sie an den Schultern packen und sie Schütteln! Seht ihr sie nicht? Wollt ihr sie nicht sehen? Unternehmt doch etwas! Ich kann es nicht, ich bin doch ein Geist! Ich kann nichts tun, ich kann nicht mit euch sprechen. Vertreibt bitte diese Schatten! Sie beherrschen meine Welt und quälen mich. Sind in meinem Kopf, in meinen Gedanken wie ein Fiebertraum.

Doch niemand tut etwas. Ihr seht nichts, ihr hört nichts und vor allem ihr sagt nichts, ihr tut nichts! Ihr geht einfach durch die Welt als wärt ihr unsichtbar, als wärt ihr Geister!

Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter.