Neugierig auf ein neues Buch von mir?

Liebe Freunde,

heute stelle ich Euch einen kleinen Manuskriptauszug aus meinem neuen Buch vor. Es ist noch lange nicht in einem Stadium, dass es bald veröffentlicht werden kann. Aber vielleicht kann ich den Einen oder Anderen schon ein wenig neugierig machen.

 

Mein Schatten

 

Was ist das für ein Gefühl? Die meisten Menschen würden diese Frage nie stellen. Viel zu groß ist ihre Angst vor den eigenen seelischen Abgründen, über die wir keine Kontrolle haben. Diese Tiefe menschlichen Daseins hat einen Namen. Doch den nimmt niemand gerne in den Mund. Ein Wort, dass Unbehagen verbreitet, ein Wort, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben. Oft wird es nebulös umschrieben: „Na…du weißt schon.“ Sobald man das Wort auf der Zunge hat, scheint es kein Zurück mehr zu geben zu einem “Sie hat nur etwas Stress in letzter Zeit.“ oder einem im Singsang vorgetragenen: “Auf Regen folgt Sonnenschein“.

Doch was ist ES nun für ein Gefühl? Du kennst sicher Peter Pan und seinen Schatten. Sein Schatten spielt Fange mit ihm, will einfach nicht das tun, was von einem Schatten verlangt wird und piesackt Peter. Am Ende muss er angenäht werden. Für mich fühlt ES sich genau so an.

Ich habe keinen Schatten, der, wie man von ihm erwarten würde, ein stiller Begleiter durch mein Leben ist, sondern ein außerordentliches Großmaul! Er ist ein schwieriger Zeitgenosse. Sehr leicht reizbar, aufbrausend, rachsüchtig, eifersüchtig und gerissen. Immer muss er sich einmischen. Er flüstert mir Dinge ins Ohr, bringt mich auf düstere Gedanken und bringt mich dazu, falsche und verletzende Dinge zu sagen und zu tun. Wenig später erkenne ich mich selbst nicht mehr. Hätte ich ohne ihn so reagiert? In einem letzten verzweifelten Versuch den Glauben an mich und meine guten Seiten festzuhalten, rede ich mir ein: “Niemals!“. Aber sicher bin ich mir da nicht.

Mein Schatten raubt mir den Blick auf die Sonne oder auf meine Mitmenschen. Er stiehlt mir Wärme, bis es um mich kalt und düster ist. Doch sein liebstes Spiel ist der Abgrund. Dabei lässt er mich am Rand eines großen Loches balancieren und wartet darauf, dass ich unaufmerksam bin, dass ich die Balance verliere. Das ist dann sein Auftritt. Er nimmt Anlauf und stößt mich wie ein Ziegenbock mit seinen Hörnern in den Abgrund. Ich hasse den Abgrund. Dort bin ich meinen tiefsten Ängsten und meinen größten Selbstzweifeln schutzlos ausgesetzt. Mir erscheint es unmöglich, einen Weg heraus zu finden. Ich bin gefangen in meinem Selbsthass und je länger ich dort bin, desto stärker wird mein Schatten und es wird immer schwieriger den hinterlistigen Gedanken, die er mir einimpfen will, keinen Glauben zu schenken. Ich könnte ewig weitererzählen, denn meinem Schatten fällt ständig etwas Neues ein, um mich auf die Probe zu stellen. Aber ich will nicht lügen. Ich kann lernen damit umzugehen. Ich muss es lernen, um nicht unterzugehen. Ich muss lernen mich selbst wieder zu lieben, die kleinen Dinge im Alltag zu genießen und mich zu öffnen. Denn meine Isolation ist Futter für meinen Schatten. Es ist eine tägliche Gradwanderung am Abgrund. Es ist anstrengend, nervenaufreibend und immer wieder verliere ich das Spiel. Ich habe aber auch gelernt, wenn ich offen bin und über meine chronische Depression rede, strecken sich Hände in meinen Abgrund, die mir helfen, mich wieder aufzurappeln.

Warum ich diesen Text schreibe? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht hoffe ich, dass ich nicht alleine bin mit diesem Gefühl. Dabei klingt in diesem Fall Singular so harmlos. Es ist eher eine tosende Welle aus Gefühlen, die in einem ohrenbetäubenden Lärm über mir zusammenbricht und mich unter ihr begräbt. Vielleicht hoffe ich, jemanden zu helfen, sich nicht alleine damit zu fühlen. Vielleicht tue ich es aber auch einfach, um mir selbst zu helfen. Vielleicht auch, um einen, wenn auch nur kleinen, Einblick zu geben, wie es sich anfühlt: Das Leben von meinem Schatten und mir.